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Marinaleda, ein sozialistisches Dorf in Andalusien
Dieser Eintrag stammt von Tolo Am 6.8.2010 @ 09:51 In Gefunden im Netz, International | 1 Kommentar
Ein interessanter Erlebnis- und Erfahrungsbericht von [1] Sepp Aigner, über ein Dorf in Andalusien, findet sich [2] hier. Er ist nicht nur interessant zu lesen, sondern zeigt auch, was selbst unter den Bedingungen des Kapitalismus möglich ist.
Voriges Jahr ungefähr um diese Zeit habe ich Marinaleda besucht und danach den folgenden Artikel geschrieben. Er handelt von einem erstaunlichen Dorf in Andalusien, einem Asterix-Obelix-Dorf sozusagen, in dem Menschen dem alles verschlingenden Geldwahn ein Leben entgegensetzen, in dem “Geld nicht alles” ist. Das ist dort tatsächlich ein geflügeltes Wort, ein Alltagsspruch, der nicht nur einen Traum auf den Punkt bringt, sondern das wirkliche Leben in Marinaleda. Der Unterschied zum gallischen Comic-Dorf ist: In Marinaleda wird nicht ein letzter Rest alter, untergehender Verhältnisse verteidigt, sondern da ist ein Keim für eine mögliche Zukunft gelegt. In Marinaleda lebt es sich besser als irgendwo sonst auf dem Land in Andalusien, weil dort “Geld nicht alles” ist.
Hier stehen meine Eindrücke vom vergangenen Sommer:
Marinaleda, ein erstaunliches Dorf in Andalusien
Zufällig zappte ich über TVE 2, als eine Dokumentation über Marinaleda lief. Ich blieb hängen, war fasziniert, las nach, was es im Internet darüber gibt. Das war im Juni 2009. Anfang August schaute ich mir das Dorf selber an. Hier ist der Bericht.
Was ist das Besondere an Marinaleda? - Seine Bewohner arbeiten in demokratisch organisierten Genossenschaften, und entsprechend soll es auch im Dorf selbst zugehen. Es soll sich dort anders, besser, freier, solidarischer leben. So behauptete die Doku und steht es im Internet. Ich war skeptisch. Kann denn so etwas gehen, mitten im Kapitalismus der neoliberalen Reformen?
Annäherung
Nach kleinen zwei Stunden Flug von Palma nach Malaga und hundert Kilometern mit dem Bus war in Estapa Endstation. Der Überlandbus fuhr nach Sevilla weiter. Busverbindungen zwischen den Dörfern sind ähnlich selten wie auf Mallorca. Weiter ging es nur noch mit dem Taxi.
Ich war mitten in Andalusien, auf dem flachen Land. Die Dörfer liegen, alle zehn Kilometer eins, verstreut zwischen Olivenplantagen und endlosen Feldern. Rote, fruchtbare Erde liegt nackt da, schon umgepflügt nach der Getreideernte. Auf den steinigen Flächen, weißlich-sandigem Boden, hat man Oliven gepflanzt, Abertausende in Reih und Glied und Zeile neben Zeile. Der Bus hatte nach Malaga eine steile Hügelkette gequert. Marinaleda liegt an ihrem jenseitigen Fuß. Das Land ist noch nicht eben, wie weiter nördlich zum Tal des Gualdalquivir, nach Sevilla hin. Aber die Hügel verlaufen sich schon in weiten Schwüngen, sind schon mehr schräg gestellte Ebenen, auf- und absteigend.
Von dem Städtchen Estapa nach Marinaleda sind es acht Kilometer. Der Taxifahrer avisierte mich telefonisch Antonio, meinem Zimmerwirt. Der steht schon vor der Haustuer, als wir vorfahren. Er begrüßt mich freundlich, mustert mich verstohlen - was ist das für ein Spinner, ein deutscher natürlich, der sich von Mallorca nach Andalusien verirrt, im heißen August?
Antonio vermietet drei Zimmerchen in seinem Dorfhaus, das Einzelzimmer für 15 Euro die Nacht, die Doppelzimmer für 25. Für alle drei zusammen gibt es nur ein Badezimmer. Bett, Schrank, Nachttischchen, ein Stuhl, ein Ventilator, keine Klimaanlage, kein Kühlschrank, kein Fernseher, kein Internetanschluss - natürlich nicht, bei dem Preis. Aber alles ist sauber und irgendwie adrett hergerichtet. Ich hatte ohnehin keine Wahl. Antonio ist der einzige, der überhaupt privat vermietet. Eine Pension oder gar ein Hotel gibt es nicht. So muss es auf Mallorca vor vierzig Jahren gewesen sein.
Da war ich also. Es war Sonntag, später Nachmittag, die Hitze flirrte über der Dorfstrasse, der Ort schien wie ausgestorben. Eine Dusche, frische Kleidung. Und was jetzt ? Irgendwo was trinken, was Eisgekühltes.
Die Dorfstrasse fällt ganz leicht nach Norden hin ab. Das Dorf ist ziemlich lang, zwei Kilometer vielleicht, Haus an Haus gebaut, alles hübsch in Schuss, weiß gekalkte Fassaden, viele Fenster und Türen ockergelb umrahmt. Maralineda war wohl ursprünglich ein Straßendorf und bauchte im Lauf der Zeit ein wenig aus, zwei, drei Wohnstrassen tief diesseits und jenseits der Hauptstrasse.
Ich ging das Dorf runter und wieder rauf. Es gab Kneipen. Aber sie waren geschlossen. Die Hitze flirrte. Die Zunge klebte am Gaumen. Ich hatte es schon immer geahnt: Irgendwo würde mir meine unstillbare Sucht nach Neuem zum Verhängnis werden. Das war es also: Hitzschlag in einem andalusischen Bauernkaff, Verdursten auf einer öden Dorfstrasse, die irgendwelche Witzbolde Avenida de la Paz benannt haben.
Am oberen Ende des Dorfes liegt ein Park. Wenigstens Schatten unter schönen Bäumen, eine Parkbank, was für ein Luxus. Von gegenüber wehen Geräusche - Stimmen, Kindergeschrei. Es gibt hier also doch Leute? Da muss ich hin.
Ein Schwimmbad - und dazu eine Kneipe ! Gerettet! Wasser, bitte, und viel Eis!
Da waren sie also, die Marinaledanesen, in ihrem Schwimmbad. Zwei Fünfzigmeterbecken, eins für Schwimmer, eins für Nichtschwimmer, darum herum üppig Rasen, baumbeschattet, nicht übel für so ein Kaff mit 2650 Einwohnern. Dass ich dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen bin, stimmt mich versöhnlicher. Aber alles in allem bin ich schon ein wenig enttäuscht, oder vielmehr in meiner Skepsis bestätigt. Das Dorf ist ja ganz proper, das Schwimmbad erstaunlich, dass sich die nach katholischen Heiligen benannten Straßennamen mit solchen wie Salvador-Allende-Strasse, Che-Guevara-Strasse, 1. Mai-Platz, Pablo-Neruda-Strasse mischen - ganz nett. Am unteren Ende des Dorfes steht ein älteres Gebäude, das als Haus der Landarbeitergewerkschaft und Kulturhaus ausgewiesen ist, an seinem Giebel ein Fliesenemblem: Faust mit Sichel, am Ortseingang eine Stelltafel: Marinaleda - Utopia hacia la Paz. Aber wenn das alles ist, sind die Berichte übertrieben. Ein Bauerndorf mit ein paar linken Parolen und einem schönen großen Freibad - dafür muss man nicht unbedingt tausend Kilometer weit reisen.
Gibt es in der Schwimmbadkneipe was zu essen? Schon, sagt die strenge Frau hinter der Theke, aber heute ist schon alles weg. Wenn am Ende eines Wortes ein S steht, lässt sie es weg, die Ds mitten im Wort auch, manche Nasal-Laute lassen schon das Portugiesische anklingen.
Ich bin zu müde, um mir woanders ein Abendessen zu suchen. Ich geh ins Bett. Das Schnurren des Ventilators ist ein wirksames Schlafliedchen. Mag sein, dass mein letzter Gedanke war: Ach, Mallorca ist doch schöner.
Geschichtliches
Seit jeher war die Gegend, in der Marinaleda liegt, ein Land der Großgrundbesitzer. Ihre Landarbeiter führten ein erbärmliches Leben, pendelten zwischen Saisonarbeit zu schändlichen Löhnen und Arbeitslosigkeit. Die Granden besaßen (und besitzen weithin immer noch) nicht nur das Land, sondern auch das Wasser. In Marinaleda war bis in die 1980er Jahre hinein selbst das Trinkwasser knapp und von schlechter Qualität. Und die Granden waren nicht bloß reich, sondern sie setzten ihren Reichtum auch in politische Vorherrschaft um. Selbst eine ärztliche Krankmeldung musste vom Gutsbesitzer gegengezeichnet werden, und wer dessen Unterschrift für den Antrag auf Stempelgeld nicht erhielt, erhielt auch kein Stempelgeld. Hunger und Analphabetismus waren gewöhnlich. Unter den Alten gibt es heute noch viele, die nicht lesen und schreiben können.
In den 1930er Jahren, den Jahren der II. Republik, schöpfte die Landarbeiterbewegung Mut. Den Granden den Boden wegzunehmen und ihn endlich auf eigene Rechnung zu bearbeiten, schien eine realistische Perspektive zu werden. Dann putschte Franco, versank Spanien im Buergerkrieg, und das Falange-Regime zementierte noch einmal für vier Jahrzehnte die alten Verhältnisse.
Aber die Menschen vergaßen ihre alte Parole “Land - Arbeit - Brot - Freiheit” nicht. Als Franco endlich starb und das Regime am Ende war, standen sie erneut auf. Die ganze Region wurde unruhig, und am radikalsten und zielstrebigsten waren die Leute in Marinaleda. Dem Duque das Land und das Wasser wegnehmen, sich genossenschaftlich zusammenschließen, endlich auf eigene Rechnung arbeiten und besser leben, die klientelistische Abhängigkeit vom Grundherrn endlich abschütteln: Dafür demonstrierten sie in Sevilla und selbst in Madrid, vor der Moncloa, dem Sitz des Ministerpräsidenten. Man hielt sie hin. Man hoffte, die Bewegung werde sich im Lauf der Jahre schon totlaufen.
Aber 1979 gab es die ersten freien Kommunalwahlen, und in Marinaleda siegte die Linke haushoch. Gordillo, ein Lehrer, der zum Anführer der Landarbeiter geworden war, wurde Buergermeister. 1984 wollten sich die Leute nicht länger hinhalten lassen und traten in einen unbefristeten Hungerstreik - 700 Menschen von den damals 1800 Einwohnern. Sie streikten zwölf Tage lang. Dann waren die ersten 280 Hektar Land ertrotzt. Die Regierung zahlte den Duque aus, der nun auch sein Wassermonopol aufgeben musste. Wenig später waren weitere 1200 Hektar erkämpft. - Marinaleda hatte endlich Land und Zugang zum Wasser. Man gründete Genossenschaften, schaffte die ersten Traktoren an, pflanzte und säte - und erntete nun selbst. Der Grundherr hatte im Dorf nichts mehr zu sagen. - “Land, Arbeit, Brot, Freiheit”.
Gegenwart
In den zwei Wochen meines Aufenthalts stellte sich heraus, dass mein erster
Eindruck falsch gewesen war. Marinaleda ist kein gewöhnliches andalusisches Dorf. Allmählich erschloss sich mir, was in dreißig Jahren harter Arbeit erreicht worden ist. Die Erträge der Genossenschaften, die so heroische Namen tragen wie “Camilo Cienfuegos” (nach einem der Anführer der kubanischen Revolution), “Tierra,Trabajo y Libertad”, “Domingo Rojo”, “Los Jornaleros” (”Die Tagelöhner” - eine ironische Anspielung auf die Vergangenheit), ermöglichten soziale Einrichtungen und ein soziales Klima, die weit und breit - und vielleicht in ganz Spanien - einmalig sind.
Das Marinaleda von heute hat Kindergarten und -krippe - Öffnungszeiten: von 7.30 Uhr bis 21.30 Uhr. Die Eltern zahlen pro Kind, zwei Mahlzeiten eingeschlossen, 80 Euro im Monat. Ein Schulzentrum verfügt über Vorschule, Primar- und Sekundarstufe. Für die Rentner gibt es zwei Tagesheime, in denen auch, zu billigsten Preisen, gegessen werden kann. Im neuen Kulturhaus kann man im Internet surfen, Theater spielen oder musizieren - alles kostenlos -, ein TV-Studio produziert dorfeigenes Fernsehen. Die Fußballer haben ein eigenes Vereinsheim, und zum Rasenplatz kommt gerade ein zweiter mit Kunstrasen. Im gemeindeeigenen Gimnasio können sich die Leute ertüchtigen, unter fachkundiger Anleitung, von der Seniorengymnastik über asiatische Kampfsportarten bis zu Bodybuilding - alles kostenlos oder zu symbolischen Preisen. Die Schwimmbadbenutzung kostet für die Einheimischen 3 Euro (für Kinder 2.50 Euro) - im Jahr. Für Wasser werden monatlich pro Haushalt 7,50 Euro berechnet. Die Müllabfuhr kostet 15 Euro - im Jahr.
Man hat sich einen mehrere Hektar großen Park geleistet, der eines der Zentren des öffentlichen Lebens ist. Er liegt übrigens nicht am Rand des Dorfes, wie ich am ersten Tag gemeint hatte, sondern verbindet das alte Dorf mit den neuen Vierteln. Abends, so ab Neun, lustwandelt man unter Alleen und zwischen Rabatten, an riesigen Beeten mit duftenden Rosen vorbei, ruht auf den Bänken rund um die beiden Springbrunnen, die Verliebten turteln in den verschwiegenen Winkeln, die Teenager gackern und kreischen, eine Sportlergruppe schindet sich, Damen mittleren Alters marschieren forschen Schritts ihre überflüssigen Pfunde weg. Mitten drin gibt es ein Amphitheater, in dem notfalls die ganze Dorfbevölkerung Platz hätte, mit einer Bühne, groß genug für ein Symphonieorchester. Dreimal die Woche gibt es hier Freilichtkino, sechsmal im Jahr große Kulturveranstaltungen - alles kostenlos. Die kommunistische Jugend versorgt, ehrenamtlich, mit kleinen Gerichten und Getränken. Alles kostet der Einfachheit halber einen Euro - z.B. ein Bocadillo mit Hühnchen -, so dass eine Familie mit zwei Kindern hier ein Abendessen für acht Euro einnehmen kann, Getränke und eine Spende für die sahaurische Befreiungsfront inklusiv.
Die 15-Euro-Haeuser
Das ist alles beeindruckend, aber das Herz der sozialen Entwicklung in Marinaleda ist der kommunale Wohnungsbau. Der geht so: Die Gemeinde stellt eine Parzelle zur Verfügung, zahlt das Baumaterial und die gesetzlich vorgeschriebene Facharbeit. Die Häuslebauer müssen die Hilfsarbeiten selber leisten oder dafür Peones bezahlen. Das kostet im Durchschnitt 28 000 Euro. Dann sind die Häuslebauer Inhaber eines 100-Quadratmeter-Haueschens und eines ungefähr ebensogrossen ummauerten Hofes. Die Häuser können an die Kinder weitergegeben werden. Die einzige Einschränkung ist: Vermieten oder verkaufen geht nicht. Eigentümer bleibt die Gemeinde. Damit ist jeder Spekulation der Boden entzogen. Die “Miete” beträgt 15 Euro im Monat. Sie war ursprünglich nicht vorgesehen. Die Häuslebauer haben die Abgabe selbst beschlossen. Damit können nämlich, über das gemeindliche Bau-Budget hinaus, pro Jahr die Materialkosten für ein zusätzliches Haus aufgebracht werden.
Die Zahl dieser Häuser geht jetzt auf die 300 zu. Ungefähr ein Viertel der Dorfbevölkerung lebt bereits in diesen Häusern - Menschen, die vor dreißig Jahren das Wasser noch mit dem Eimer vom öffentlichen Reservoir in ihre tristen Quartiere geschleppt haben.
Das ist der größte Kontrast zu unserer schönen “Sonneninsel”. Auf Mallorca schlägt für die Menschen, die sich aus eigener Kraft Wohneigentum schaffen wollen, die monatliche Belastung dafür mit einem Drittel, und nicht selten mit der Hälfte, des Familieneinkommens zu Buch, müssen über Jahrzehnte die Hypothekenschulden abgestottert werden. Entweder hat ein Alleinverdiener ein außergewöhnlich gutes Gehalt oder er muss 60 Stunden in der Woche arbeiten, oder eines von zwei Gehältern geht für die Hypothek drauf. Miete zu zahlen kommt nicht sehr viel billiger. Ein Karriereknick, gar Arbeitslosigkeit wird schnell zur Katastrophe, wenn man sich bis zur Halskrause verschulden muss. So ist es, wenn Boden und Immobilien eine Ware sind wie jede andere.
In Marinaleda ist das nicht so. Der verdiente Lohn kann wirklich für das tägliche Leben ausgegeben werden. 32,5 Stunden Arbeit pro Woche in den Genossenschaften Maraniledas bringen einen Monatslohn von 1 200 Euro. Da sie kaum Wohnkosten haben, ist damit für die Leute, die ganzjährig Arbeit haben, eine Familie ernährt, und in den Haushalten mit zwei Verdienern geht es sogar recht auskömmlich zu.
Keine Idylle
Das Dorf ist natürlich keine autonome Insel. In der ganzen Gegend ist die Arbeitslosigkeit hoch, und auch in Marinaleda haben nicht alle eine ganzjährige Beschäftigung. Die Erzeugnisse der Genossenschaften müssen zu denselben, viel zu niedrigen, Preisen abgesetzt werden, wie das jeder Erzeuger tun muss. Es muss mechanisiert - d.h. Arbeit eingespart - werden, damit die Betriebe konkurrenzfähig bleiben. Die Haushaltslage der Gemeinde ist angespannt. Die Erfolge von gestern und heute sind nicht gesichert, weil sie von wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen abhängen, auf die die Marinaledanesen keinen Einfluss haben.
Mit der Arbeitslosigkeit geht man allerdings anders um als anderswo. Man teilt sie sich. Wer keinen Ganzjahresvertrag hat, bekommt einen Viermonatsvertrag. Dann muss er sich zwei Monate lang arbeitslos melden. Danach gibt es wieder einen Vertrag, usw. So fällt niemand aus den Leistungen der Arbeitslosenversicherung, und die mageren Arbeitslosenmonate - 450 Euro Stempelgeld - werden einigermaßen gleichmäßig auf alle verteilt. So kommt jeder auf ein Jahreseinkommen von ungefähr 10 000 Euro. Ohne Wohnungskosten reicht das selbst für Familien mit nur einem Einkommen zu einem bescheidenen, aber doch menschenwürdigen Leben.
Ein zweiter ausgleichender Faktor ist, dass die Lohnspreizung gering ist. Es gibt keine Hungerlöhne, aber auch keine Spitzengehälter. Wer für eine Genossenschaft arbeitet, kriegt nicht weniger als 1 200 Euro im Monat, aber auch nicht mehr als 1 400 - der companero Direktor eingeschlossen.
Ein Teil der Feldkulturen wird nicht des Gewinns wegen angebaut, sondern um Löhne zu generieren. Zurzeit produziert man zum Beispiel viel Paprika. Das ist nicht wirklich ein Geschäft. Die Produktion ist gerade knapp kostendeckend. Sie ist arbeitsintensiv und kann schlecht mechanisiert werden. Paprika bringt zwar keinen Gewinn, aber eine Menge Leute erwirtschaften damit ihren Lohn.
Dorfpolitik
Natürlich gelten in Marinaleda die gleichen Gesetze wie im übrigen Spanien. So werden zum Beispiel in ordentlichen geheimen, freien und gleichen Wahlen der Buergermeister und der Gemeinderat gewählt - mit dem regelmäßigen Ergebnis von 60 bis 70 Prozent für die Izquierda Unida, ein paar Sitzen für die Sozialdemokraten und gewöhnlich keinem einzigen für die PP. Gordillo, der Buergermeister, der 1979 zum ersten mal gewählt wurde, wurde seither bei allen Wahlen - zuletzt 2007 - mit haushohem Vorsprung im Amt bestätigt. - Soweit funktioniert die parlamentarische Demokratie, wie anderswo auch, bloß mit eher ungewöhnlichen Mehrheitsverhältnissen.
Aber es ist halt vieles Auslegungssache. In Marinaleda gibt es eine zweite Ebene, die über die Wählerei alle vier Jahre weit hinausgeht. Jedes Dorf-Viertel hat eine Asamblea und für das ganze Dorf gibt es die General-Asamblea. Diese Versammlungen tagen vierteljährlich. Die Gemeindeverwaltung muss vor ihnen Rechenschaft ab- und die Einnahmen und Ausgaben offen legen. Ähnlich ist es in den Genossenschaften. Die wichtigen Entscheidungen treffen diese Asambleas. Die Beschlüsse sind zwar, der Rechtslage nach, für den Buergermeister und den Gemeinderat nicht bindend. Aber wer bei den nächsten allgemeinen Wahlen wieder gewählt werden möchte, hält sich besser an sie.
Die politischen Parteien spielen, jedenfalls öffentlich sichtbar, keine große Rolle. Da und dort hängen Plakate der IU, ab und an verteilen die Sozialdemokraten ein Flugblatt, rechte Propaganda ist nirgends zu sehen. Von der kommunistischen Partei, die in der IU immerhin die Mehrheit stellt, ist auch nichts zu sehen, außer ein paar Graffitis des Jugendverbands. Irgendwie müssen die Parteien schon sein. Aber die entscheidende Rolle spielt die direkte Demokratie im Dorf, über die Asambleas und über Aktionsgruppen von Freiwilligen, die sich ehrenamtlich bestimmten öffentlichen Aufgaben widmen. Da gibt es das TV-Team, das Kino-Team, Gruppen, die sich um allein stehende alte Leute kümmern, um Leute mit Drogenproblemen usw. Einmal im Monat kommen die, die Zeit und Lust haben, zum “Domingo Rojo” zusammen. Hundert, hundertfünfzig Leute entkrauten Beete, tünchen die Fassade eines öffentlichen Gebäudes, schaffen Müll weg, der sich in irgendwelchen Ecken gesammelt hat - was eben so anfällt. Mittags ist es genug, und man nimmt gemeinsam im Gewerkschaftshaus die Mahlzeit ein, die freiwillige Köche mittlerweile zubereitet haben. - Ohne diesen Buergersinn, diese ehrenamtliche Arbeit könnte die Gemeinde unmöglich den Umfang ihrer sozialen und kulturellen Leistungen erbringen.
“Geld ist nicht alles.” Diesen Satz hört man oft. Er ist fast ein Wahlspruch. Er spiegelt ein Stück Wirklichkeit. - In Marinaleda dreht sich wirklich nicht alles um Geld. In den Genossenschaften ist die Achse des Wirtschaftens nicht der Gewinn, sondern der Lohn. Im Dorfleben hängt das soziale Ansehen nicht am dicksten Auto und protzigsten Haus, sondern an rechtschaffener Arbeit und tätigem Gemeinsinn. Man möchte es kaum glauben. Aber das gibt es. Ich habe es selbst gesehen und ein wenig davon erspürt.
Abschied
In zwei Wochen Marinaleda war meine Skepsis geschmolzen und mein Gemütszustand bedenklich nah an Euphorie. Antonio, ein anderer Antonio, einer von denen, die “von Anfang an dabei waren”, dämpft sie. “Weißt du”, sagt er, “es ist leichter, etwas zu erkämpfen, als es zu bewahren. Jetzt, wo es uns viel besser geht, gibt es schon einen gewissen Rückzug ins Private, eine gewisse Laschheit. Früher haben wir auf den Asambleas halbe Nächte lang diskutiert und gestritten. Heute geht das in ein, zwei Stündchen ab und dann gehen alle ins Schwimmbad.”
Im “neuen Marinaleda”, in den Vierteln mit den 15-Euro-Haeusern, geht ein Eingang nach hinten in den eigenen Hof, ins Private, zum eigenen Gemüsegärtchen, zum Gehege mit den Stallhasen, zum Grill. Nach vorne hinaus geht es auf die Wohnstrasse, den kleinen Platz, der vielleicht nach Marquez benannt ist, in die Nachbarschaft und Dorföffentlichkeit. Welcher Hauseingang der wichtigere wird - daran wird sich das weitere Schicksal Marinaledas entscheiden, so weit es überhaupt von seinen Bürgern entschieden werden kann. Die, die aufgebaut haben, sind heute fünfzig Jahre alt oder älter. Sie halten den Geist am Leben, mit dem sie das Dorf zu dem gemacht haben, was es ist. Sie werden das Heft noch ein oder zwei Jahrzehnte in der Hand haben. Eine engagierte Jugend ist nachgewachsen. Ich kann nicht einschätzen, wie viele es sind. An den Jungen hängt, ob sie bewahren und weiterentwickeln können, was die Älteren erkämpft und erarbeitet haben.
Ich verlasse Marinaleda mit dem Gefühl, wiederkommen zu wollen. Ein Touristenort ist das Dorf zwar nicht. Fremde werden freundlich behandelt, aber durchaus nicht mit überschwänglicher Freundlichkeit, und schon gar nicht mit der geschäftstüchtigen Freundlichkeit, die der Tourismus hervorbringt. Es gibt kein Spezialitätenlokal, keine organisierten Ausflüge, keine kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten. Man kann über die Felder traben und sich in den endlosen Olivenhainen ergehen, die öffentlichen Einrichtungen des Dorfes mitbenutzen. Das ist alles.
Kleine zwei Stunden Flug, und Palma hat mich wieder. In Marinaleda, in der Schwimmbadkneipe, habe ich für 2,80 zu Mittag gegessen, Bier und Kaffe inklusive. Ich trinke ein Bier und einen Cortado in Palma, auf der Plaza Mayor - 3,20 Euro. Alles ist wieder in Ordnung. Wer wird denn von einem anderen Leben träumen, da unten im Süden, da wo alles noch billig und gut und einfach ist?
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-in-andalusien-54671289.html
[3] Marinaleda, ein sozialistisches Dorf in Andalusien : http://kritische-massen.over-blog.de/article-marinaleda-ein-sozialistisches-dorf
-in-andalusien-54671289.html
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