Religion 2.

Religion (lat.): Form des gesellschaftlichen Bewusstseins, in der die objektive Realität, besonders das menschliche Dasein, in verkehrter Weise widergespiegelt wird. Religion ist eine idealistische Welt- und Lebensanschauung, in der als primäre Ursache des natürlichen und gesellschaftlichen Geschehens ein persönlicher Gott (bzw. mehrere Götter, Geister o. ä.) bzw. unpersönliche übernatürliche Kräfte und Mächte angesehen werden (Deismus). Am meisten verbreitet sich heute die monotheistischen Religionen: Christentum, Islam und Buddismus. Besonders im Christentum fand eine umfassende Institutionalisierung des religiösen Glaubens durch die Kirche mit allen ihren Einrichtungen statt. Religion ist stets irrationales Fürwahrhalten von Glaubensaussagen, ist stark emotional betont und mit Kulthandlungen verschiedener Art (Opfer, Gebet, Riten) verbunden.

Da im Zentrum jeder Religion der Glaube an übernatürliche, transzendente Mächte steht, sind religiöser Glaube und Wissenschaft nicht nur verschiedene, sondern einander ausschließende Erscheinungen. Der seit Nicolaus Copernicus und Galileo Galilei offensichtliche Gegensatz zwischen Naturwissenschaft und christlicher Religion ist somit prinzipieller Natur. Daher mussten zwangsläufig alle Versuche der Theologie, diesen Gegensatz aufzuheben, ohne Erfolg bleiben. Dass eine Reihe von bekannten Naturwissenschaftlern zugleich religiös waren und sind, widerlegt nicht die Unvereinbarkeit von Naturwissenschaft und Religion, da in keinem Falle nachgewiesen ist, dass die Religion organischer Bestandteil des wissenschaftlichen Gedankengebäudes ist bzw. zwangsläufig aus wissenschaftlichen Erkenntnissen folgt. Vielmehr resultieren die religiösen Vorstellungen aus Tradition, Erziehung oder Unvermögen, die menschlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge wissenschaftliche zu durchdringen. Die religiöse Vorstellungswelt mancher Naturwissenschaftler seht somit außerhalb ihrer naturwissenschaftlichen Erkenntnis und Denkweise. Daher ist die auf kirchlicher Seite häufig anzutreffende Berufung auf „religiöse Naturwissenschaften“ ein unzulässiger Autoritätsbeweis, bei dem von der wissenschaftlichen Autorität auf die Gültigkeit religiöser Aussagen geschlossen wird.

Religion lässt sich keineswegs auf Unkenntnis oder Unwissenheit reduzieren. Ihre wurzeln liegen nicht nur in der Erkenntnis; vielmehr resultiert ihre Existenz vornehmlich aus der Ohnmacht der unterdrückten Volksmassen gegenüber der herrschenden Ausbeuterklasse, ihr Leben den eigenen Interessen gemäß zu gestalten. Sie resultiert aus gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen für die Volksmassen „das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt“. Deshalb ist die Religion für diese Verhältnisse „moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund“. In ihr findet das eigentliche menschliche Wesen seine „phantastische Verwirklichung“. Daher bestimmte Marx die Religion als den „Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt … das Opium des Volkes“ (MEW Bd. 1, S. 378). Religion hat somit vornehmlich ihre historischen Ursachen im Bestehen der Klassengesellschaft, in der Ausbeutung und Unterdrückung der Volksmassen. Die soziale Wirklichkeit der Ausbeutergesellschaft erzeugt jedoch nicht nur das Bedürfnis der Volksmassen nach Religion, sondern auch die Möglichkeit und das Bestreben der herrschenden Klasse, die Religion als ideologisches Mittel der Manipulation und der Rechtfertigung der bestehenden Zustände zu benutzen.

Da Religion auch „Protestation gegen das wirkliche Elend“ (ebenda) ist, können auch progressive Klassen und Schichten ihre Kämpfe durchaus in religiösen Gewand austragen. Bis zum 17. Jh. wurden Klassenkämpfe in Europa generell unter religiösem Vorzeichen geführt. Heute ist es Notwendig, dass die gemeinsamen sozialen Interessen viele Werktätige in den Ländern des Kapitals an die Seite der Arbeiterklasse führen.

Erst im Sozialismus werden mit der Beseitigung der Ausbeutung, Not, Elend, Unterdrückung die sozialen Wurzeln der Religion aufgehoben. „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks“ (MEW Bd. 1 S. 379).

Die dem Sozialismus adäquate Weltanschauung trägt notwendigerweise wissenschaftlichen und atheistischen Charakter. Somit wird sich der dialektische und historische Materialismus immer mehr als Weltanschauung des ganzen Volkes durchsetzen. „Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen. Die Gestalt des gesellschaftlichen Lebensprozesses, d. h. Des materiellen Produktionsprozesses, streift nur ihre mystischen Nebelschleier ab, sobald sie als Produkt frei vergesellschafteter Menschen unter deren bewusster planmäßiger Kontrolle steht. Dazu ist jedoch eine materielle Grundlage der Gesellschaft erheischt oder eine Reihe materieller Existenzbedingungen, welche selbst wieder das naturwüchsige Produkt einer langen und qualvollen Entwicklungsgeschichte sind“ (MEW Bd. 23, S. 94).

Ausbeuterklassen haben die Religion immer dazu benutzt, die unterdrückten Massen geistig nieder zuhalten. Auch in der Gegenwart missbrauchen reaktionäre Kräfte die Religion als ideologisches Mittel, die Werktätigen der Länder des Kapitals von der Erkenntnis ihrer wahren Interessen und vom Klassenkampf abzuhalten, sie mit der kapitalistischen Gesellschaft zu versöhnen. Nicht selten wurde/wird Religion dazu missbraucht, einen Kreuzzug gegen die sozialistischen Länder zu erzeugen, aber auch gegen andere Länder, sowie anders Gläubige Menschen. Verantwortungsbewusste religiöse Kreise wenden sich gegen diesen Missbrauch der Religion und treten für Verständigung und Frieden ein.

Die Politik der marxistisch-leninistischen Partei gegenüber religiösen Gemeinschaften und religiösen Menschen ist dem Hauptziel, der Errichtung des Sozialismus und Kommunismus, untergeordnet. Die Partei der Arbeiterklasse tritt für volle Glaubens- und Gewissensfreiheit ein. „Jedem muss es vollkommen freistehen, sich zu jeder beliebigen Religion zu bekennen oder gar keine Religion anzuerkennen, d. h. Atheist zu sein, was ja auch jeder Sozialist in der Regel ist“ (LW Bd. 10, S. 71). Dementsprechend hat die sozialistische Gesellschaft durch die Trennung von Kirche und Staat sowie durch die verfassungsmäßigen Rechte aller Bürger die Glaubensfreiheit und die ungehinderte Ausübung religiöser Kulte. Andererseits beruht die ganze Politik der Arbeiterklasse auf dem theoretischen Fundament des dialektischen und historischen Materialismus, der mit keinerlei Religion vereinbar ist und atheistischen Charakter hat. Doch daraus folgt keineswegs, dass die religiöse Weltanschauung werktätiger Menschen einer vertrauensvollen Zusammenarbeit von Marxisten und Gläubigen für die Beseitigung des Kapitalismus und beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft im Wege steht. Die Politik der marxistisch-leninistischen Partei muss daher konsequent auf die Einbeziehung der religiösen Menschen in den revolutionären Klassenkampf und die Gestaltung einer sozialistischen Gesellschaft. „Die Einheit dieses wirklich revolutionären Kampfes der unterdrückten Klasse für ein Paradies auf Erden ist uns wichtiger als die Einheit der Meinungen der Proletarier über das Paradies im Himmel“ (LW Bd.10, S. 74).

Wie praktische Erfahrungen zeigten und zeigen, bejahten viele religiöse Menschen sozialistische Ideen und den Sozialismus aus religiösen Motiven heraus, schöpfen aus ihrer Religion Impulse für eine sozialistische Umgestaltung des gesellschaftlichen Lebens und arbeiten dabei freundschaftlich mir Marxisten-Leninisten zusammen.

Die Glaubens- und Gewissensfreiheit schließt natürlich auch das Recht der Marxisten ein, ihre wissenschaftliche Weltanschauung aktiv zu vertreten und zu verbreiten und durch wissenschaftlich-atheistische Aufklärungsarbeit die religiöse Weltanschauung als eine Form des entfremdeten Bewusstseins zu überwinden und die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Weltanschauung zu verbreiten.

Angelehnt an „Wörterbuch Philosophie und Naturwissenschaften“ Dietz Verlag Berlin 1983, Seite 809 -811.

 

6 Antworten auf “Religion 2.”

  1. Sepp Aigner sagt:

    Hallo Thomas.
    Dritter Versuch, diesen Eintrag zu kommentieren. Es geht nur um eine Einzelheit:

    Der Buddhismus ist keine monotheistische Religion. Es gibt zwei Sphären.

    Auf der Ebene der “buddhistischen Philosophie” gibt es überhaupt keinen personalen Gott, sondern bloss, was man im europäischen Sprachgebrauch die “Idee” nennt, also das “Geistige” als Ursprung von allem. Hier ist der Buddhismus extrem idealistisch, weil er nicht nur einen Dualismus von Idee und Realität annimmt, in dem die Idee der Ausgang ist, sondern die Realität schlicht leugnet. Sie ist bloss der “verunreinigende Schleier” über der “wahren Geistnatur”, eine Täuschung. Der “Erleuchtungsweg” der Praktizierenden besteht eben darin, diese Täuschung zu überwinden. Im Erfolgsfall kann der Erleuchtete (Buddhagleiche) das Rad der Wiedergeburten verlassen und im Nirvana aufgehen. Das ist nämlich der Inhalt der “wahren Geistnatur” - die vollkommene Leere.

    Auf der Ebene des Volksbuddhismus gibt es - in den verschiedenen Regionen unterschiedliche - haufenweise Götter, Dämonen, Geister, wandernde Seelen und jeden vostellbaren religiösen Talmi. Allerdings sind die Himmel und Höllen, in denen diese Geister hausen, auch noch ein Teil der Täuschungswelt. Sonderlich logisch geht es in diesen Gefilden nicht zu. Das Verhältnis der Göttergeister zu absoluter Geistnatur/Nirvana ist wohl eher verschwommen. Der Buddhismus hat, wie das Christentum, vorangegangene animinstische und Religionen jeder Entwicklungsstufe - er selbst ist ja eine Art Reformation des Hinduismus - überwuchert und absorbiert und jetzt geistern diese im Buddhismus herum.

    Dass der Buddhismus das Stadium des Ein-Gott-Glaubens philosophisch übersprungen hat und sozusagen gleich bei Hegel gelandet ist, finde ich interessant - auch deswegen, weil er, was die Erkenntnismethodik betrifft, bis fast zu Hegel vorstösst. Mit seinem “Sowohl-als-auch-Konzept” (alles ist und ist zugleich nicht) betritt er sozusagen den Vorraum der Dialektik. - Keine üble Leistung vor 2500 Jahren. Mittlerweile halt ein alter Hut wie alle Religion nach Hegel und Marx/Engels.

  2. Th. Loch sagt:

    Hallo Sepp,
    danke für Deinen interessanten Beitrag, selbst wenn es erst im dritten Anlauf geklappt hat und ich werde auch etwas dazu schreiben, erstmal aber drei Fragen:
    - Ist Buddhismus eine Religion?
    - Gibt es im Buddhismus mehr als einen Gott, oder keinen Gott (zwei Phasen, zweite Phase)
    - Ist Religion an einen Gott gebunden?
    Und noch eine vierte Frage:
    - ist Religion Philosophie und worin besteht der Unterschied zwischen Religion und Philosophie?
    Genauso genommen würde mir da noch einige Fragen einfallen, aber was soll es, lassen wir es dabei.

  3. Sepp Aigner sagt:

    Hallo Thomas.
    Zweifellos ist Buddhimsus eine Religion. Was Du in Deinem Beitrag zutreffend definiert hast, trifft alles auf ihn zu. Aber wie bei allem, gibt es Entwicklung, auch eine der Religionen. Soweit wir wissen beginnt die Religion geschichtlich mit dem Animismus, bei dem in jeden Grashalm und Regenwurm ein Geist steckt, schliesslich kristallisieren sich allerlei Götter heraus, bis sie zu dem einen Gott der sogeannten Hochreligionen abstrahiert sind. Und dann gibt es eben auch die Entwicklkungsstufe, in der auch diese Vorstellung überwunden wird zugunsten eines apersonalen “Jenseits”. Beim Intellektuellenfangen sind die katholischen Jesuiten Meister in der Interpretation ihres Gottes in diese Richtung, und im “reinen” Buddhismus ist die Sache sogar sozusagen offiziell. Aber auch das bleibt noch im Rahmen des philosophischen Idealismus.

    Ist Religion an einen Gott gebunden ? - Ich meine, dass sie einen Grenzbereich hat, in dem eben der Gott ein apersonales Jenseits wird, und dass der Buddhismus insofern die am weitesten getriebene Religion ist. “Religion ohne Götter/Gott” in der geschichtlichen Entwicklung Nein, aber am Ende dieser Entwicklung Ja. Das ist sozusagen das Verhalten des Schrittes vor der Schwelle, jenseits derer es nicht nur mit den Göttern, sondern mit der idealistischen Weltanschauung überhaupt vorbei ist. Der Buddhismus verhält den Schritt genau an dieser Schwelle.

    Ich weiss nicht, ob das für Fachleute stimmt, in meinem Laienphilosophenkopf teile ich so ein: Es gibt den philosophischen Idealismus, wovon die Religionen ein Teil sind, und den philsosophischen Materialismus, der ersteren im Marxschen Sinn aufhebt.

  4. Th. Loch sagt:

    Hallo Sepp,
    sicher hast Du recht, der ursprüngliche Buddhismus hatte keinen Gott, in der späteren Form wurde Buddha selbst zum Gott, in diesem Zusammenhang wäre zu berücksichtigen, welche der Form des Buddhismus die gegenwärtig vorherrschende ist.
    Wie oben zu lesen ist: „Religion ist eine idealistische Welt- und Lebensanschauung, in der als primäre Ursache des natürlichen und gesellschaftlichen Geschehens ein persönlicher Gott (bzw. mehrere Götter, Geister o. ä.) bzw. unpersönliche übernatürliche Kräfte und Mächte angesehen werden (Deismus).“ Im Gegensatz dazu ist Philosophie die „Liebe zur Weisheit“; dem heutigen Inhalt nach ein theoretisch begründetes System von Anschauungen über die Welt, ihre Entwicklung und ihre Gesetzmäßigkeiten, über die Stellung des Menschen in der Welt und seine Möglichkeiten, diese zu erkennen und zu verändern. Kurz geschrieben, Religion ist eine Unwissenschaftliche Betrachtungsweise, wogegen Philosophie ein wissenschaftliche ist! Aus diesem Grund war Buddha auch kein früher Hegel! Wobei ich zugeben muss, dass Buddha für seine Zeit sehr weit gegangen ist und damaligen Glauben nicht unerheblich reformierte, dass es ein teilweises zu alten Glaubenssätzen gab, war wohl eher der damaligen gesellschaftlichen Entwicklung geschuldet. Angemerkt sei hier, dass die Herausbildung von Philosophie bestimmte sozialökonomische Voraussetzungen benötigte.
    Gruß

  5. Sepp Aigner sagt:

    Ich sehe die “Überschneidung” von Philsophie und Religion darin, dass in der Philosophie die Metaphysik eine Hauptrolle spielt und innerhalb derer bei den Fragen nach den “letzten Gründen” von den idealistischen Schulen überwiegend mit “Gott” geantwortet wird.

    Die Beschreibung des Buddhismus im Philosophischen Wörterbuch ist m.E, nicht ganz zulänglich. Vielleicht sind es ja auch meine Kenntnisse, die nicht zulänglich sind. Aber ich habe darüber relativ viel gelesen und daraus den Eindruck gewonnen, den ich im ersten Kommentar kurz aufgeschrieben habe. Die Glaubens”essenz” des Buddhismus ist, dass die materielle Welt eine Täuschung und nur die Welt des “Geistes” wirklich ist, und in der gibt es nichts als das Nirvana (das ist das Nirvana) und das ist die “vollkommene Leere”. Das ist im Hinayana (dem “kleinen Boot) und im Mahayana (dem “grossen Boot”) so, wie auch im Theravada, das gewöhnlich Letzterem zugeordnet wird aber Eigenheiten aufweist, die diese Zuordnung nur als grobe rechtfertigen. In allen drei Ausprägungen gibt es den Volksglauben, der sich von der Glaubens”essenz” stark unterscheidet und in dem es von Göttern wimmelt, einschliesslich einem zu einem Gott gemachten Buddha.

    Man kann das ja auch so stehenlassen, muss aber im Hunterkopf behalten, dass es sich dabei um einen anderen “Gott” handelt als bei den Christen und Muslimen - nämlich keinen allmächtigen Schöpfergott als Urgrund alles Seins. Da das Wort Gott im westlichen Verständnis gewöhnlich gleichgesetzt wird mit einer Vorstellung, wie sie die jüdisch-christlich-islamische hervorgebracht hat, wäre im Wörterbuch mindestens darauf zu verweisen, dass Buddha=Gott damit nicht gleichzusetzen ist.

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