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Weiterführende Gedanken zu einem Text.

Dieser Eintrag stammt von Tolo Am 29.9.2011 @ 19:14 In Historisches, Gefunden im Netz, Allgemein | 1 Kommentar

Weiterführende Gedanken zu einem Text.

Nun hatte ich [1] hier einige Gedanken zu einem Text nieder geschrieben und eine Antwort erhalten. Diese Antwort regte mich zu folgende Gedanken an. Die Antwort selbst werde ich dem Text anhängen. Ursprünglich hatte ich nicht vor einen so langen Text zu schreiben, aber es folgte ein Gedanke den anderen, dabei sollte anfänglich nur die Aussage kritisiert werden, dass die katholische Kirche im Mittelalter nur Mittel der Macht war und kein Eigenleben führte. Gerade im Zusammenhang mit dem gewesenen Papstbesuch sicher nicht uninteressant ein solches Thema aufzunehmen. Durch die Medien wurde der Besuch ja hochgejubelt, Proteste wenn überhaupt nur am Rande erwähnt, dass es diese gegeben hat. Dabei gab es allein in Berlin eine Protestveranstaltung von 15.000 Menschen, die größte in einem solchen Zusammenhang bis jetzt überhaupt. Hier nun meine Gedanken:  

 

Hallo Witold,

nun hast Du durchaus Recht, wenn Du darauf verweist das die katholische Kirche ihren Ursprung in der Antike hat. Ihre Entwicklung hingegen nahm sie unter feudalen Bedingungen! Oder richtiger, der Katholizismus ist die den feudalen Verhältnissen entsprechende Hülle für den christlichen Glauben. Die antike Form hingegen hat sich im oströmischen, byzantinischen Reich in Form der orthodoxen Kirche erhalten. Das byzantinische Reich war die letzte antike Staatsstruktur und Religion ist nach wie vor ein gesellschaftliches Produkt. In der Regel entspricht sie den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen und wenn sie diesen nicht entspringt, so passt sie sich an, oder hört auf zu existieren.   

Religion ist immer ein Mittel der Machtausübung, ein Mittel der Politik, dieses trifft besonders auf die katholische Kirche zu, welche von den sich entwickelnden feudalen Verhältnissen geprägt wurde. Sie möge zwar in der Antike gezeugt worden sein, ist jedoch ein Kind des Feudalismus. Nach Zusammenbruch des weströmischen Reiches und in Folge der Völkerwanderung im 5 Jahrhundert bildete sich auf ehemals römischem Gebiet eine frühfeudale Gesellschaft heraus. Die Franken gewannen an Einfluss und um 500 hatte Chlodwig sein Reich ausgedehnt und seine Macht gefestigt. In diesem Zusammenhang wurden Teile der ehemals römischen Verwaltung übernommen, wobei innerhalb dieser Machtstrukturen örtliche Bischöfe eine Rolle spielten. Chlodwig trat um 500 zum Christentum über und lies sich taufen. Er setzte den entscheidenden Einfluss des Königs auf die Einsetzung von Bischöfen durch und versuchte eine einheitliche Kirchenstruktur für das Frankenreich zu schaffen. Die Machtverhältnisse waren klar und Chlodwig trat Pragmatischerweise zum Christentum über und verband somit die hergebrachte Verwaltung mit den mitgebrachten Strukturen. Grafen und Bischöfe wurden zu Verwaltern königlicher Güter, die Lehen wurden auf Zeit vergeben. Entscheidende Grundlage für die Investitur war das Eigenkirchenrecht, die Grundherren ließen Kirchen auf eignen Grund errichten und sicherten sich somit auch den Einfluss auf die Verwaltung durch die Einsetzung von Bischöfen, Äbten etc. letztlich wurden damit königliche Eigentumsrechte gesichert. Die Kirchenfürsten nahmen aber auch durchaus eigenen Interessen war, wobei die Verschmelzung von Staat und Kirche auf Grund mitgebrachter Arbeitsteilung anfänglich zum Aufbau und Erhalt feudaler Macht durchaus zwingend war. Im ausgehenden Mittelalter änderte sich das, immer mehr schwand das Bildungsmonopol der Kirche und die weltliche Macht war nicht mehr unbedingt auf die Kirche angewiesen. Und so ging es auch im Investiturstreit um Eigentumsrechte, wobei dieser in einem Kompromiss endete und dem Kaiser zumindest noch ein Vetorecht zubilligte. Das Konkordat welches Heinrich V. mit dem Papst 1122 tauschte besiegelte die geistige Ehe mit der Kirche und das priesterliche Hirtentum, sozusagen der erste Staatskirchenvertrag. Die Kirche nutzte in diesem Zusammenhang die Schwäche des Kaisers, um ihre angestammten Rechte trotz schwindenden Einflusses auf die weltliche Macht zu sichern. Also war die Kirche vordem durchaus schon Eigensubjekt, nur hatte sie sich im ausgehenden Mittelalter auf Grund des immer schwächer werdenden Kaisertums ihre materielle Machtbasis sichern können.

Die Kirchenstrukturen wie sie heute in der westlichen katholischen Kirche bestehen, haben ihre Wurzeln im Hochmittelalter, Otto I. schuf die Grundlagen als römischer Kaiser. Wo Chlodwig Strukturen schuf, welche sich auf sein Reich beschränkten, griff Otto I. in den Spuren Karl des Großen nach Rom. Er brauchte die Kirche um eine funktionierende Verwaltung im dünn besiedelten Ostfrankenreich aufzubauen. Zahlreiche Klostergründungen und Stiftungen in seinem Kerngebiet zeugen davon. Letztlich ging es in späteren Auseinandersetzungen mit der Kirche nur vordergründig um einen Streit zwischen Geistlichen und Laien, was die Einsetzung ins Amt betraf, die eigentlichen Hintergründe waren materieller Natur, es ging um Besitz und Besitzstandswahrung. Und schauen wir noch mal in der Zeit zurück, zwar gab es ein Zölibat schon sehr früh in der Geschichte des Christentums, bindende Verpflichtung wurde es aber erst ab 1139. Nach dem 1122 Einfluss und Eigentum gegenüber dem Staat gesichert worden war, erfolgte dieser Schritt 1139 nach innen. Wer nicht verheiratet ist und keine Kinder zeugen darf, hat auch nach damaligen Vorstellungen keine erbberechtigten Nachkommen, das Eigentum bleibt also im Besitz der Kirche. So erfolgte damals durchaus eine gewisse Trennung von Staat und Kirche, aber nur was das Eigentum betrifft, die Kirche trennte sich einen gehörigen Teil ab.

Und wie war es mit der Renaissance (Wiedergeburt)? Geprägt für eine Epoche wurde dieser Begriff im 19 Jahrhundert, treffend für den Beginn der Neuzeit mit seinen Bezügen zur Antike. Erstmals verwand wurde der Begriff 1550, damals dauerte die heute damit bezeichnete Epoche schon gut 100 Jahre. Es hat auch Ursachen, dass dieser Begriff an den Ausgang der Antike anknüpft, ist doch die Renaissance auch ein Ergebnis des Untergangs der letzten antiken Staatsstruktur. In der Zeit des Untergangs des Byzantinischen Reichs kam viel Wissen über die Kultur der griechischen Antike nach Italien. Nach Eroberung Byzanz 1453 durch die Osmanen kamen des Weiteren viele Flüchtlinge, welche bis dahin konserviertes antikes Wissen mitbrachten. Dieses meist profane Wissen ermöglichte es das Wissensmonopol der katholischen Kirche zu durchbrechen. Auf Grund dieser Tatsache griff die Papstkirche zu allen Mitteln welche sie als Notwendig erachtete um den „neuen“ Geist zu bekämpfen und dem dadurch drohenden Machtverlust entgegen zu wirken. Der Machtverlust war aber nicht aufzuhalten, Hexen- und Ketzerverbrennungen konnten zwar Angst und Schrecken verbreiten, aber den Fortschritt nicht verhindern. Dabei ist Humanismus eine wesentliche Geistesbewegung dieser Zeit. Ab dem Hochmittelalter trat eine neue Klasse in Erscheinung und begann um die Macht zu ringen, sobald sie sich in Städten niedergelassen hatte. Das Bürgertum opponierte beständig gegen Strukturen welche ihrem Interesse widersprachen und zum Ende des 15 Jahrhunderts trat es mit emanzipatorischen Forderungen erfolgreich hervor. In Deutschland war dieses die Zeit der frühbürgerlichen Revolution, der Untergang der letzten antiken Staatsstruktur beschleunigte das Ende des Mittelalters in West und Mitteleuropa. Die feudalen Machtstrukturen ob weltlich oder geistig wurden ernsthaft durch das Erstarken des Bürgertums bedroht. Mitte des 15 Jahrhunderts wurde der Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden, welcher es ermöglichte Wissen wesentlich schneller zu verbreiten als bis dahin überhaupt möglich. Die katholische Kirche wurde in ihren Grundfesten erschüttert und ein Teil begann sich zu reformieren, sich den neuen Verhältnissen anzupassen. Der Kampf innerhalb der verschiedensten christlichen Fraktionen nahm an schärfe zu und ist bis heute noch nicht beendet. Anders im Falle der politischen Machtverhältnisse, diese sind in Europa klar zu Gunsten des Bürgertums geklärt, eine Kirche brauchte es spätestens seit der französischen Revolution nicht mehr, trotzdem leistet man sich dieses Relikt aus dem Mittelalter zu erhalten. Mehr oder weniger hat die Kirche ihren Frieden mit dem Kapital gemacht, wie auch die verschiedensten Strömungen untereinander, beschleunigt wurde dieser Prozess durch das Auftreten einer neuen politischen Kraft, besonders als diese an Macht gewann, gar selbst staatliche Macht ausübte. Es war ein neuer gemeinsamer Feind herangewachsen, welcher die gesellschaftlichen Verhältnisse grundsätzlich in Frage stellte und dessen objektives Ziel es ist bestehende Antagonismen aufzuheben.      

Kirche ist eine Institution, welche den Glauben, den religiösen Glauben als Mittel der Macht einsetzt. Die christliche Kirche hatte ihre Unschuld verloren als sie Staatsreligion wurde. Glaube bedeutet nach christlichem Verständnis Vertrauen, in Form des religiösen Glaubens also blindes Vertrauen. Glaube bedeutet aber auch Nichtwissen, was nicht unbedingt schlimm ist, denn er kann durchaus eine Vorstufe zum Wissen sein, religiöser Glaube bedeutet hingegen die Manifestation der Unwissenheit! Die Aufgabe der Kirche im Mittelalter war es Wissen zu sammeln, zu archivieren und nur soviel Wissen preiszugeben wie unbedingt notwendig. Sie war im Mittelalter das Hauptinstrument des ideologischen Kampfes, sie war ein Instrument der herrschenden Klasse, in der herrschenden Klasse selbst verortet. Letzteres wurde gerade auch dadurch erreicht, dass das Grundeigentum der Kirche gesichert wurde. Die Verbindung von weltlicher und geistiger Macht war im Mittelalter direkt, unmittelbar, oft sogar in Personalunion. Die Verbindung von Staat und Kirche war absolut, sie entsprang nicht nur diesen Verhältnissen, sie bedingte diese sogar.

Heute ist die Kirche sicher nicht zu unterschätzen, ihre Bedeutung im gesellschaftlichen Leben wird aber bewusst überbetont, sie ist eine wirtschaftliche, wie auch politische Macht, welche sich Willfähig von der herrschenden Klasse gebrauchen und sich ihre Dienste gut bezahlen lässt. Sie ist ein Instrument der Spaltung, sowie eine vermeidliche Option zum System des Kapitals. Die Hauptlast der ideologischen Arbeit trägt sie hingegen nicht mehr, auch wenn sie Anteile an so manchem Medienkonzern hat, dort tritt sie eher im eigenen wirtschaftlichen Interesse auf. Gerade im Osten des Landes ist die Zahl der Christen nicht unbedingt hoch zu nennen und dementsprechend gering ist auch der direkte Einfluss der Kirche auf die Menschen. Das gerade in diesem Zusammenhang die Kirche eine Offensive gestartet hat, um Kirche und damit den christlichen Glauben Menschen näher zubringen, ist zu beachten und zu mindest zu beobachten.

Letztlich brauchte die Bourgeoisie keine Kirche mehr um die Macht zu erringen, um diese heute zu erhalten, greift sie hingegen gern auf die Kirche als Instrument der Macht zurück. Sie kann nicht genug Strohhalme haben, um sich vor dem Ertrinken zu retten!  

Entschuldige, ist mehr geworden als ich eigentlich wollte, aber gelegentlich ist es so, da jagt ein Gedanke den anderen und über so manches muss ich selbst erst einmal Klarheit gewinnen. Aber warum sollte sich sonst mit solchen Themen auseinandergesetzt werden?

Gruß

Thomas

 

Gegenständlicher Text:

 

Wie Du richtig schreibst, Thomas, werden viele Erscheinungen, die eigentlich der frühen Neuzeit zuzuordnen sind, heute oftmals dem Mittelalter zugeschlagen. Mir scheint dies allerdings auch für die katholische Kirche zu gelten. Du beschreibst sie als mittelalterlich. Doch ihr Ursprung liegt in der Antike. Im Mittelalter war sie reines Machtmittel des Feudaladels, ohne ausgeprägte Eigensubjektivität. Das änderte sich erst mit dem gewonnenen Investiturstreit, der aber bereits den Ausgang aus dem Mittelalter vorzeichnet. In ihrer heutigen Form ist die Kirche jedenfalls eine durch und durch neuzeitliche Erscheinung. Schließlich knüpft der Begriff der Neuzeit, beginnend mit der Renaissance, bewußt am Ausgang der Antike an. Was man für typisch mittelalterlich hält, etwa Ketzer- und Hexenverbrennungen, hat seinen Höhepunkt mitten in der Neuzeit, auf jeden Fall erst nach der Mitte des 14. Jahrhunderts, die ich wegen der Goldenen Bulle von 1356 als das Ende des Mittelalters definieren würde. Seit dieser Zeit kann man beim besten Willen nicht mehr davon ausgehen, daß die Kirche nur Machtmittel ist. Dazu ist sie wegen ihres gewaltigen Besitzes viel zu sehr selbst Teil der herrschenden Klasse.

Du hast Recht, wenn Du davor warnst, die Kirche in Anbetracht der Medien zu überschätzen, oder in den Worten Peter Hacks’: Ein Land, was Medien hat, braucht keine Kirche mehr.
Wenn man sich aber die Eigentumsstruktur der Medienunternehmen ansieht, stellt sich die Frage auf höherem Niveau neu, denn die Kirche hat massivst Anteile an den meisten großen Medienkonzernen, auf die Staatsmedien sowieso und offiziell Einfluß.

Man darf die Kirche also auch nicht unterschätzen.

Witold


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